Nach BMW und Bosch reiht sich nun auch SAP in die Riege der DAX-Schwergewichte, die auf ein flexibles Arbeitsmodell setzen. Nach einer zweijährigen Testphase können 22.000 Mitarbeiter des Software-Herstellers weitgehend flexibel entscheiden, wo sie ihwre Arbeit erledigen.

Eigentlich entbehrt so eine Meldung heutzutage jeglicher Brisanz. Die Idee und Umsetzung von flexiblen Arbeitsmodellen, wie dem Homeoffice, Mobilarbeit oder „Work anywhere“ ist alles andere als neu. Seit Jahrzehnten werden sie von allen Seiten analysiert, diskutiert, erprobt, fallen gelassen und wieder aufgegriffen. Und dann geht wieder alles von vorne los.

Was das Thema dennoch so besonders macht ist seine Resonanz! Das beständige Medienecho und die anhaltend hohen Klicks, Shares und Debatten, wenn es um flexibles Arbeiten geht. Vielleicht liegt es an der Diskrepanz zwischen Praxis und Papier, die es so interessant machen?

Wem das zu fadenscheinig ist, sollte sich folgende Zahlen vor Augen halten: Nach einer Umfrage von Indeed, betrachten 75,4 Prozent der Bewerber die flexible Arbeitsgestaltung bei der Unternehmenswahl, als wichtig oder sehr wichtig. Auch die Suche nach anpassungsfähigen Arbeitsmodellen, hat sich laut Indeed in den letzten zwei Jahren mehr als verdoppelt. Gleichzeitig scheinen nur acht Prozent der Arbeitnehmer, eine vollkommene örtliche Flexibilität mit einem Vertrauensarbeitsort, tatsächlich nutzen zu können.

Wenn du laut Statista, zu den 30 Prozent der Auserwählten gehörst, die die Möglichkeit haben im Homeoffice zu arbeiten, kennst du sicherlich die Vorteile die es mit sich bringt. Und wenn du zu den anderen 70 Prozent gehörst, kannst du sie wahrscheinlich erst recht aufzählen. Subjektiv gesehen lautet die interessantere Frage somit:

 

Warum sich viele Unternehmen mit flexibler Arbeit schwertun?

Da Homeoffice nicht für jeden Mitarbeiter in Frage kommt, geben 67 Prozent der Unternehmen an, dass sie ihre Mitarbeiter gleich behandeln wollen und niemand sich benachteiligt fühlen soll. Circa 52 Prozent glauben, dass es ohne einen steten persönlichen Austausch mit Kollegen, zu Produktivitätseinbrüchen kommt. Fast 35 Prozent führen Arbeitsschutzbestimmungen als Gegenargument ins Feld und 32 Prozent fürchten eine mangelnde Kontrolle der Arbeitszeit¹.

Die beiden letzten Argumente werden auch von den Gewerkschaften unterstützt. Wie überall in der Gesellschaft, hat die Digitalisierung auch die Art wie wir arbeiten verändert. Die Initiative für Arbeit und Gesundheit fand vor kurzem folgendes heraus:

„Wer ständig erreichbar ist, kann sich schlechter erholen, kann nicht abschalten, denkt auch im Bett noch über die Arbeit nach und schläft schlechter. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand freiwillig außerhalb der Arbeitszeiten erreichbar ist oder der Chef es verlangt.“²

Weitere Studien zeigen, dass Homeoffice zwar die Leistung und Zufriedenheit der Mitarbeiter steigert, gleichzeitig leiden sie häufiger unter Schlafstörungen und Stress, als ihre Kollegen im Büro.

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Lautman Fund Offices – Tel Aviv
Lautman Fund Offices - Tel Aviv
Lautman Fund Offices – Tel Aviv

Die Rolle der modernen Führungskräfte

Nicht nur unsere Arbeitsinstrumente haben sich dank der Digitalisierung grundlegend verändert. Studien des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) legen nahe, dass sich auch die Aufgaben und Schwerpunkte der Führungskräfte verändern müssen. Nicht jeder Chef ist dazu bereit.

„Wir konnten herausarbeiten, dass in der modernen, flexibilisierten Arbeitswelt Führungsarbeit vor neuen Herausforderungen steht. Diese liegen zum einen im notwendigen Wandel des Selbstverständnisses von Führungskräften, die weniger kontrollieren und anleiten denn eher inspirieren und coachen sollen, um ihren Wissensarbeitern zur individuellen Entwicklung und Entfaltung zu verhelfen.

Führungsarbeit wird angesichts flexiblerer und vernetzter Arbeitsformen noch kommunikationsintensiver werden. Erforderlich wird das Erlernen von Führungstechniken über Distanz, die Stimulierung der Kommunikation der Kollegen untereinander, sowie die kluge Nutzung unterschiedlichster Kommunikationstechnologien…“.

Lautman Fund Offices - Tel Aviv
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Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Mobilarbeit

Hier setzt SAP auf einen gesunden Mix aus Flexibilität, Balance und klaren Absprachen. Die Angestellten haben die Wahl, ob sie im Büro, Zuhause oder gar im Schwimmbad arbeiten. Solange sie es vorher formlos mit ihrer Führungskraft absprechen, bleibt der Arbeitsort komplett ihnen überlassen. Wichtig ist, dass es ausdrücklich von SAP erwünscht ist, dass die Führungskräfte diese Freiheit respektieren und ihren Mitarbeitern ermöglichen.

Allerdings hat man hier bewusst auf viele Vorgaben verzichtet. Die einzigen Regeln sind: Niemand darf zur Mobilarbeit gezwungen werden und 100 Prozent Mobilarbeit sind nicht gewollt. Außerdem verpflichtet sich der Betriebsrat, die Einhaltung der gesetzlich bestimmten Arbeitszeiten streng zu überwachen. So sollen die Anforderungen an die Verfügbarkeit auf keinen Fall zulasten der Arbeitszeitregeln gehen. Trotz der verbrieften Flexibilität, ihren Arbeitsort frei wählen zu dürfen, steht jedem Mitarbeiter stets sein fester Arbeitsplatz im Büro zur Verfügung.

Damit lässt SAP jedem Angestellten den individuell geforderten Freiraum, ohne die Zügel komplett aus der Hand zu geben.

 

 

Text: Oleg Farber

Bilder: Officesnapshots

Quellen:

¹ https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Vier-von-zehn-Unternehmen-erlauben-Arbeit-im-Homeoffice.html

² https://www.igmetall.de/mobilarbeit-25053.htm

 

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