Unsere heutige Arbeitswelt strukturiert sich in Teams, nur sporadisch schlagen sich noch Einzelkämpfer durch den digitalen Dschungel, der uns permanent umgibt. Im Harvard Business Review ist von mehr als 50% der Arbeitszeit die Rede, die Manager und Angestellte mit Teamwork verbringen. Deshalb reicht es nicht mehr die Leistung des Einzelnen zu optimieren, sondern die Employee Performance Optimization muss neu als Team Performance Optimization gedacht werden. Aber was zeichnet ein gut funktionierendes Team aus? Steigert sich durch gutes Teamwork die Produktivität der Mitarbeiter nachweisbar? Und wie ist gutes Teamwork messbar?

Big Data is watching you

Der Tech Gigant Google geht seit 2012 der Frage nach dem perfekt funktionierenden Arbeitsteam in einer groß angelegten Mission, bekannt unter dem Codename Mission Aristoteles, auf den Grund. Dafür nutzte Google seine eigenen technischen Möglichkeiten aus und sammelte im umfangreichen Stil Daten zum Arbeits- und Freizeitverhalten seiner Mitarbeiter. Wie Marshall Van Alstyne, ein Professor der Boston University feststellt, „leben wir im goldenen Zeitalter der Datenerfassung“ in dem die Produktivität des Einzelnen bis ins kleinste Detail messbar geworden ist. Das Team von Google People Operations erfasste nahezu alle Aktivitäten, bis hin zur Aufzeichnung, wer mit wem, wann die Mittagspause verbringt und ob sich Arbeitskollegen auch in ihrer Freizeit treffen. Ergänzend wurden hunderte Mitarbeitern befragt, um ein Stimmungsbild einzufangen, das die erhobenen Daten zu einem Gesamtbild vervollständigen soll. Darüber hinaus werteten die Wissenschaftler Studien zur Teamarbeit aus, die in den letzten 50 Jahren erhoben wurden, um die dort gewonnenen Erkenntnisse im eigenen Unternehmen zu überprüfen. 

Google überprüfte anhand der Daten zunächst allgemein bekannte Thesen zum Teamwork, wie: „Introvertierte Menschen arbeiten lieber mit anderen introvertierten Menschen zusammen und umgekehrt steigert sich die Produktivität extrovertierter Mitarbeiter in Teams mit anderen extrovertierten Mitgliedern.“, oder „Die Teams, in denen sich die Mitarbeiter auch außerhalb der Arbeit gut verstehen, arbeiten am produktivsten.“ Der  Fokus der Analyse lag anfangs auf der Messung der Produktivität und der Wettbewerbsfähigkeit von 180 Teams im eigenen Unternehmen, die weltweit in verschiedenen Bereichen agieren. Aus den gewonnenen Ergebnissen konnten die Wissenschaftlicher aber keine konkrete Formel für das perfekte Teamwork ableiten, da die Teams einerseits sehr unterschiedlich aufgestellt waren und sie sich andererseits in ihre Arbeitsweise stark differenzierten.

Mustersuche in der Datenflut

Bei der Auswertung der Datenflut stellten sich zudem immer neue Fragen zum Teamwork, denen die Wissenschaftler von Google People Operations nachgehen wollten um endlich nachweisbar Anhaltspunkte und wiederkehrende Muster zu finden, die gutes Teamwork beeinflussen. So schauten sie sich beispielsweise an, wie sich die Geschlechterverteilung auf das Teamwork auswirkt, ob gleiche Hobbies zu einem besseren Teamwork beitragen, was der schulische Hintergrund für einen Einfluss auf die Fähigkeit im Team zu arbeiten hat und ob die Teams am erfolgreichsten sind, in denen die Mitarbeiter sich schon lange kennen, oder solche, die regelmäßig neu zusammengewürfelt werden. Aber auch diese Auswertung brachte kein eindeutiges Ergebnis. Unter den Teams, die am erfolgreichsten gerankt sind bei Google sind alle Konstellationen zu finden: Teams, in denen alle Mitglieder eng befreundet sind, aber auch Teams, die abseits der Arbeit keine Zeit miteinander verbringen. Auch die hierarchische Strukturierung war unterschiedlich und wirkte sich nicht nachweisbar auf das Teamwork aus. Die Datenerhebung und Ausweitung der Fragestellung förderte kein Muster zutage, mit dem die Forscher weiterarbeiten konnten.

Mission Aristoteles gescheitert?!?

Als die Mission Aristoteles zu scheitern drohte, stießen das Team von Google People Operations auf die Forschungsarbeit von Psychologen und Soziologen, die sich auf „Gruppen-Normen“ konzentrieren. Unter Normen versteht man Tradition und Verhaltensmuster, sogenannte ungeschrieben Regel, nach denen wir uns verhalten und die jedes Team für sich im Laufe der Zeit entwickelt. Wie die Forscher herausfanden, bilden Gruppen-Normen einen Teil der Unternehmenskultur. Ihr Einfluss ist tiefgründig und steht über den individuellen Neigungen. Wenn beispielsweise der Konsens in einem Team ist, Konflikte offen auszutragen, halten sich auch Gruppenmitglieder an diese Norm, die persönlich offene Konflikte eher vermeiden und sie lieber ausschweigen.

Teamspirit ist Trumpf

Aus den erhobenen Daten filterten die Wissenschaftler die Verhaltensweisen heraus, die Mitarbeiter im Laufe der Gespräche als ungeschriebene Gesetze oder teamspirit geschildet hatte. Nach und nach verstanden die Forscher, welchen großen Einfluss Gruppen-Normen auf Teams haben. Mehrere Dutzend unterschiedliche Normen wurden herausgefiltert, die offensichtlich mit dem Teamwork eng in Verbindung stehen wie etwa klar formulierte Ziele und Zuverlässigkeit. Aber welche Normen sind die Schlüsselnormen, die den teamspirit so positiv beeinflussen, dass sie die Produktivität nachweisbar steigern?

Die drei goldenen Normen

Ob Teams gute Normen umsetzten ist nur schwer messbar, die Forscher vermuteten aber, dass sich deren Anwendung durch die Gruppenintelligenz messen lässt. Die Gruppenintelligenz sagt aus, wie effektiv eine Gruppe im Kollektiv Aufgabestellungen lösen kann. Google führte einen Selbstversuch mit mehreren hundert Mitarbeitern durch, die in Kleingruppen Aufgaben lösen sollten wie z.B. einen Ziegelstein kreativ und vielfältig zu bewerben. Dabei brachten manche Teams zahlreiche brauchbare Ansätze zu Tage, während andere schon an der Aufgabenstellung scheiterten. Erstaunlich war, dass nicht die Teams bei der Gruppenintelligenztest am Besten abschnitten, die zusammengezählt den höchsten Einzel-IQ aufwiesen, sondern Teams, in denen der Umgang untereinander freundlich war. Dieses Indiz war für die Forscher der entscheidende Hinweis darauf, nach einem bestimmten Muster in ihren Daten zu suchen. Die Daten zeigten, dass die psychologische Sicherheit wichtiger ist als alle anderen Normen, die durch die Schlüsselnormen Kommunikation und Empathie gesteuert wird.

Im perfekten Team spielt die Kommunikation eine entscheidende Rolle. Die tägliche Sprechzeit sollte sich deshalb gleichmäßig auf alle Teammitglieder aufteilen. Dabei kann es sein, dass Führungskräfte während Meetings mehr sprechen und sich die Angestellten dafür beim Erledigen ihrer Tasks intensiv austauschen können. In kommunikativen Teams fühlen sich die Mitarbeiter gut aufgehoben und Unstimmigkeiten können offen angesprochen werden. Die zweite Schlüsselnorm ist die soziale Sensibilität, die in gut funktionierenden Team deutlich höher ist als in leistungsschwachen Teams. Beim Reading the Mind in the Eyes Test sehen die Probanden nur die Augenpartie einer Person und versuchen darüber einen Aussage zu treffen, was der andere denkt und fühlt. Teams, in denen der Umgang untereinander freundlich war, erzielten bei diesem einfachen Test eine wesentlich höher Trefferquote als Teams, in denen das Teamwork nicht klappte. In gut funktionierenden Teams konnten die einzelnen Teammitglieder zudem an der Tonlage und an nonverbaler Signalen die Stimmung der anderen festmachen. Die Mitarbeiter fühlten sich in solchen Teams besonders wohl und sprachen auch über persönliche Probleme miteinander, die ihre Arbeit negativ beeinflussten.

Vergiss dein „work face“ nicht

Die Mission Aristoteles belegt nachweisbar, dass der Teamspirit entscheidend für eine gute Zusammenarbeit ist. Teams in denen jedes Mitglied sich sicher fühlt und wertgeschätzt wird, funktionieren ungeachtet der Hierarchien. Google etablierte deshalb für seine Teams Guidelines, um eine psychisch sichere Umgebung für alle Mitarbeiter zu schaffen. Demnach soll keiner mehr gezwungen sein, sein „work face“ auf der Arbeit aufzulegen und private Probleme zu Hause zu lassen. Stattdessen ist Zwischenmenschlichkeit heute fester Bestandteil der Unternehmenskultur, um so die Effektivität langfristig zu steigern.

Credits

Text: Lina Louisa Kraemer

Bild: Wired.de

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