Bürodesign als Werkzeug zum Erfolg.

Warum Bürodesign für den Digital Workplace so wichtig ist

Der feste Schreibtisch im Büro ist nur noch eine Option unter vielen. Die Digitalisierung verändert auch Innenarchitektur, Raumaufteilung und Möbeldesign am Arbeitsplatz 4.0. Die Devise: Kreativität und Innovation durch Bewegung! 

Das war einmal: Der Chef residiert in einem turnhallengroßen Büro mit Vorzimmerdame, Doppeltüren, wuchtigen Aktenschränken und einem Schreibtisch von der Größe einer Tischtennisplatte, während sein Fußvolk in lärmigen Großraumkäfigen oder tristen Einzelzellen arbeitet. Ein Protzbüro mit Goldbrokatvorhängen, Kronleuchter und Angeber-Fotos an den Wänden leistet sich heute allenfalls noch Donald Trump. Beim Digital Workplace zählen andere Werte: Kreativität und Innovation, flache Hierarchien und flexible Arbeitsformen.

Im Büro 4.0 geht es nicht mehr um physische Präsenz, Imponiergesten, die ganze klassische Architektur der Macht. Man arbeitet im Team, mit einem hohen Maß an Selbstbestimmung, wo, wie und wann man will: Zuhause, unterwegs, im Büro oder auch mal im Straßencafé. Die technische Entwicklung macht ortsunabhängiges Arbeiten immer leichter. Das verändert auch die Ansprüche an die materielle Arbeitsumgebung. Das Büro muss sich den neuen technischen und sozialen Herausforderungen digitalen Arbeitens anpassen, besser: sie antizipieren und ständig neu justieren. Die Form folgt dabei der Funktion.

Villa Kunterbunt aus dem Silicon Valley

Das Büro ist heute keine Heimat mehr, wohl aber ein Ort individueller Lebensentwürfe, ein Schaufenster für die Selbstdarstellung. Die Bürowelten von globalen IT-Playern wie Google, Facebook oder Twitter sehen daher oft nicht mehr nach Arbeit aus, sondern eher nach Freizeitvergnügen, Spielplätzen und Beschäftigungstherapien. Wo einst graue Angestellte an grauen Orten malochten, öffnen sich heute helle, bunte Räume zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, Gemütlichkeitshöhle und kühlem Loft, Hotellobby und Lounge. Spielzeug wie Flipper, Kicker oder Billard gehört dazu, ebenso wie die Kita und die Fahrradwerkstatt; nur einen Pool auf dem Dach hat nicht jedes hippe Startup-Unternehmen.

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Die Räume für Wohnen und Arbeiten gleichen sich optisch und funktional immer mehr an. Hier wie dort gibt es technisch hochgerüstete Arbeits- und lauschige Entspannungsecken, Begegnungs- und Rückzugsräume: Eine Villa Kunterbunt mit Teeküche und Clubatmo. Kein Wunder: Der digitale Nomade kann heute überall und immer seinen Rechner aufklappen, sich in private und betriebliche Netzwerke ein- und ausklinken. Das traditionelle Büro mit seinen liebenswerten oder auch nervigen Konventionen von der persönlichen Kaffeetasse bis zur vertrockneten Zimmerlinde ist ein Auslaufmodell. Bei technikaffinen Konzernen wie Siemens oder Daimler haben die Mitarbeiter längst keine privaten Hoheitsgebiete und festen Schreibtische mehr, nur noch funktional ausdifferenzierte Arbeitsflächen mit unterschiedlichen Graden von Privatsphäre, technischer Ausstattung, Ruhe und Komfort: Zonen für konzentriertes Arbeiten, Meetings oder Projektbesprechungen, Inseln für Kommunikation, Netzwerken oder einfach nur Abhängen. Die Mitarbeiter sollen sich im Büro wie zu Hause fühlen, das steigert Kreativität und Produktivität. Aber zu viel Wohlgefühl und Bequemlichkeit ist natürlich auch wieder kontraproduktiv.

Das stimmige Look & Feel

Die Büroeinrichtung ist so etwas wie Körpersprache und Visitenkarte eines Unternehmens. Stühle, Tische, Raumteiler, Regale sind sicht- und spürbare Hardware, und deshalb sollten gerade Firmen, die viel mit Software und Lösungen im virtuellen Raum handeln, auf ihr Erscheinungsbild im realen Raum achten. „In Zeiten starker Disruption und neuer Arbeitsformen“, sagt Vitra-Geschäftsführer Rudolf Pütz, „wird die Arbeitsumgebung immer mehr zum strategischen Asset für Firmen“. Eine „kuratierte Innenarchitektur“, das „stimmige Look & Feel“ werde immer wichtiger für Mitarbeitermotivation und Kundenansprache. Wie man sich auf welche Sitzgelegenheit bettet, hat vielleicht keinen direkten Einfluss auf Kreativität und Produktivität. Aber Form und Farbe von Stühlen und Sesseln, repräsentativen Sitzlandschaften und verspielten Sitzsäcke visualisieren sehr wohl die Identität eines Unternehmens.

Das ließ sich vor einigen Monaten auch auf der Orgatec 2016, der Leitmesse für moderne Arbeitswelten in Köln, gut beobachten. Der Trend geht offenbar zu Büro-Modulen wie dem Collage Office von Vitra, Your office is your playground (Cascando) oder Coolworking (Actiu), zu maßgeschneiderten Lösungen für jeden Bürotyp und jede Körperhaltung, sei es Sitzen oder Stehen, Bewegung oder Begegnung. Stilprägendes Vorbild ist nach wie vor das leichte, scheinbar improvisierte Design aus den Garagen des Silicon Valley: Schlanke, elegante, vielfach verstell- und stapelbare Stühle und Tischchen rücken die modularen Sitzlandschaften aus warmen, weichen, pastellfarbenen Materialien und die durch Handarbeit und erlesene Materialien geadelten Luxussessel in den Hintergrund.

 

Kippeln, Wippen und Wackeln für digitale Nomaden

Früher wurden Büros quasi um die technische Infrastruktur herum gebaut. Heute sind Schreibmaschinen, Aktenordner und Papierkörbe papier- und kabellos. Der Maschinenpark wird immer leichter, transparenter, mobiler, und das hat natürlich auch Folgen für die Büroarchitektur. Die Herrschaft der „DINastie“ mit ihren normierten Winkeln, Formen und Farben ist gebrochen. Die neuen Sitzgelegenheiten für die digitale Arbeit vereinen auf spielerisch leichte Weise Funktionalität, Ästhetik, Flexibilität, Individualität, ergonomische und medizinische Aspekte. Der englische Workplace-Designer Tom Dixon, der schon Sitze mit Hasenohrenlehnen und Schreibtischchen im Look viktorianischer Schülerpulte entworfen hat, beschreibt seine Büromöbelkollektion „Slab Desk System“ als „Kulisse mit humaner Ästhetik“ für die verschwimmenden Grenzen zwischen Arbeit, Zuhause und Entertainment.

Der klassische Schreibtisch wird zunehmend ersetzt von horizontal und vertikal kipp-, dreh- und sonstwie verstellbaren Multifunktionstischen und Stehpulten. Die Stühle sind nicht mehr nur zum Sitzen und Arbeiten da, sondern auch zu eher unbequemen Aktivitäten wie „Stehsitzen“ und Schaukeln. Innovation, schwört James Ludwig, Vizepräsident des Büromöbelspezialisten Steelcase, hat auch mit körperlicher Aktivität und Interaktion zu tun. Übergewicht und Rückenprobleme sind weder für Mitarbeiter noch für Firmen gut. Auch deshalb wollen die Sitzmöbeldesigner die eh schon ruhelosen digitalen Nomaden in ständiger Bewegung halten.

Der schwere Chefsessel, in dem man fast versinken konnte, wird abgelöst durch wacklige, poppig bunte Hocker, Klötzchen und Plastikstühle, die aus 3-D-Druckern kommen und wie knuffige Haustiere aussehen. So etwa will Vitra-Designer Konstantin Grcic mit seinem kratzfesten, kunterbunten Stool Tool die Kreativität („Der Stool Tool dient dazu, einen anderen Gedanken zu fassen“) und mit seinen höhenverstellbaren „Hack-Möbeln“ („Ich baue es mir um, wie es mir passt“) die Flexibilität schulen. Auf der Orgatec gab es viele solcher Startup-Sitzmöbel zu bewundern: Kabbelige Stehsitze, knollige Sitzsäcke, gelenkige „Kinema Active Chairs“, „Bewegungshocker“ von Wilkhahn, gepolsterte Stuhlkreise von Vitra, klassische Hartschalensessel, Klappstühle in allen skandinavischen Farben und Formen. Manchen Designkritikern wurde das alles zu bunt andere feierten die nüchterne, farblose Lensveld-Kollektion mit dem schönen Namen „Boring“ als Offenbarung. Selbst nicht sesshafte digitale Nomaden wünschen sich manchmal Sitzgelegenheiten, die zum Arbeiten gedacht und gemacht sind und nicht für ein cooles, kunterbuntes, aber letztlich unbequemes Zwitterding zwischen Hocken und Wackeln, Wippen und Kippeln.

Text: Dr. Martin Halter (Freiburg) arbeitet als freier Journalist für verschiedene Tageszeitungen (Frankfurter Allgemeine, Tages-Anzeiger, Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung), Buchautor („Das letzte Lexikon“), Texter und Kommunikationsberater (u.a. für Lexware und Stadt Freiburg).

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